AN HERRN FRITZ

 

Habe lang auf dich gewartet

Habe über mich gelacht

Habe endlich nachgekartet

Und dich schließlich umgebracht.

 

Geh auf eine große Reise

Über's blutigrote Meer.

Leise auf die eig'ne Weise,

Denn ich liebte dich so sehr.

 

Hinter sieben Bergen finden

Mich die sieben Zwerge klein,

Die mir meinen Körper binden

Auf die sieben Bettelein.

HECKENSCHÜTZEN DER ANGST

(Für das Rock-Album 'Indigo')

 

Stirn und Münder sind zerfurcht,

Ohren, Augen sind gebrochen,

Böses Kind, hast nicht gehorcht

Und die Angst hat zugestochen.

 

Ja, die Furcht steht hinter Hecken,

Hinter sonnig-grünen Bäumen.

Ach, dein Mut geht um drei Ecken,

Milch und Honig willst du träumen

 

Ungeheuer kriechen, fallen

Über dich und deine Ruh.

Schüsse schallen und sie knallen

Alle Türen vor dir zu.

 

Ja, sie wollen mit dir fahren

Durch den hellen Sonnenschein

Und sie zieh'n dir an den Haaren,

Lassen dich nicht mehr allein.

 

Dein Mut geht um drei Ecken,

Um drei Ecken geht dein Mut.

Denn sie tun nicht, was du verlangst,

Deine Heckenschützen der Angst.

 

Kind, was hast du nur verbrochen,

Böses Kind, hast nicht gehorcht,

Ganz umsonst die Flucht seit Wochen

Vor den Heckenschützen der Furcht.

 

Dein Mut geht um drei Ecken,

Um drei Ecken geht dein Mut.

Denn sie tun nicht, was du verlangst.

Deine Heckenschützen der Angst.

SCHWARZER FILM

(Für das Rock-Album 'Indigo')

 

Lange her, die Wolken ziehen

Durch ihren Kopf, durch ihre Stadt

Sie will die Stunde fliehen,

Die keine Zeit mehr hat.

 

Jetzt sitzt sie im Zug, die Reise

Führt von ihr weg, sie fühlt sich matt

Und streicht sich heimlich- leise

Die Gedanken glatt.

 

Der Regen fällt, die Gleise fliegen in den Himmel

Sie fährt hinaus durch leere Hallen, dunkle Räume

Ihr Atem friert und Schnee fällt zwischen ihre Träume

Sie sehnt sich nur zurück: zur Zeit, die keine Stunde hat.

 

Blasse Hände sieht sie wehen

An ihrem Fenster fliegt vorbei

Ein Haus, ein Lied, ein Regen

Der Blick fällt schwer wie Blei.

 

Sie hat sich eingewoben

In diese Strassen, diese Stadt

Vertan, verrückt, verschoben

Ist alles, was sie hat.

 

Der Regen fällt, die Gleise fliegen in den Himmel

Sie fährt hinaus durch leere Hallen, dunkle Räume

Ihr Atem friert und Schnee fällt zwischen ihre Träume

Sie sehnt sich nur zurück: zur Zeit, die keine Stunde hat.

 

Schwarzer Film

Kein Bild will sich bewegen

Das Drehbuch:

Zerrissen Blatt für Blatt

Lautlos schwarzer Film

Was fliesst ist nur der Regen

Und die Zeit, die keine Stunde hat.

NACHTHUND

 

Gebt dem Nachthund einen Knochen,

Stark und bleich. Zwischen den Zähnen

Splittert er. Wie Silbermünzen

Blinken in den Augen Tränen

Eines sehr verwunsch'nen Prinzen.

 

Nichts verrät, was ihn gebrochen

Und der Nachthund kann nichts sagen.

Traurig glänzt sein schwarzes Fell.

Muss die Nacht so in sich tragen,

Draußen wird es wieder hell.

 

Blindlings ist die Nacht erstochen,

Nur die Sterne werden blinken

In den Augen. Ach, der Nachthund

Kann nicht weinen. Monde sinken

Und der Tag wird weiß und rund.

HERBSTTRAUM

Hoffen und warten, zum Abschied gewunken,

Erinnerungen voller Wonne,

Vater im Garten, von Schlaf angetrunken,

Die Kinder spielen in der Sonne.

 

Die Sonne ist weißer, der Himmel wird grauer,

Die roten Blätter tragen Trauer.

Hoffen und warten, von fern eine Stimme ruft:

Komm doch, komm doch mit!

 

Der Kaffee wird kälter, dein Bild es wird blasser,

Die toten Blätter schwimmen im Wasser.

Die Türe steht offen und wieder die Stimme:

Komm doch, komm doch mit!

DIE ZEIT

Die Zeit ist rund, die Zeit ist lang.

Du wirst sie überhören.

Die Zeit braucht keinen Abgesang

Mit süßen Engelschören.

 

Und geht die Zeit den runden Gang,

Dann schneid sie nicht in Scheiben.

Und bleibt sie steh'n vor Überschwang,

Dann zwing sie nicht zu bleiben.

 

Der Uhrzeitmensch im Jahresringen

Steht im Sekundenregen.

Doch kannst du dich zum Warten zwingen,

Kommt dir die Zeit entgegen.

 

Ihr Rhythmus hat kein gleiches Maß,

Mal Oper, mal Etude.

Sie lacht über den Sand im Glas,

Dann gähnt sie und ist müde.

SONNTAGSTAG

War ein Sonntagstag

An dem ich unten lag.

Die Sonne brannte still.

Ich schüttete Zuviel

Der Sorgen in den Wein.

Der Himmel ist aus Stein.

 

Ich hielt mich nicht mehr aus

Und ging aus mir heraus

Und kroch in mich hinein

Und trank den roten Wein.

Ach Gott, wer mag das sein.

Der Himmel ist aus Stein.

ABSCHIED

Du, sage ich, ist es denn noch nicht sieben?

Ich wäre gern ein bisschen noch geblieben.

Nach einer Weile schlägt die Turmuhr acht.

Ich habe, ach, die ganze Nacht gewacht.

Sie sagt mir nur: Ich wünsch dir Glück.

Ich sage noch: Ich komm nicht mehr zurück.

Sie: Dann vergiss nicht deinen dummen Hut

Ich: Sorg Dich nicht, es geht mir gut.

Ruf mich nicht an, sagt sie, ich komm zurecht,

Hier, nimm den Kafka, ich behalt den Brecht.

Ich sage kurz: es war nicht so gemeint.

Sie sitzt auf einem Stuhl und hat geweint.

EISBLAU

Eisblau des Morgens brennt sich in die Augen

Der Müdigkeit schon hab ich mich verweigert

Und nun dem Wunsch nach Decken oder Essen.

Zu spät, zu früh? Das ist nicht mehr die Frage.

Der Text wird kurz der noch zu fressen ist.

Der Mund. Der Mund wird fressen.

 

Was für ein Spieler wird für welche Bühnen taugen.

Man sieht, die Sonne hat sich schon gesteigert.

Wer wird sich weigern, wer die Texte fressen,

Die ich in meinem dumpfen Herzen trage.

Der Text wird kurz, vielleicht den Letzten frisst

Der Hund. Der Hund wird fressen.

HOSEN NASS

 

0190... Hallo! Was?

Und schon sind deine Hosen nass.

Der Zeiger dreht sich um und um.

Dir werden deine Hände krumm.

Du schweigst und blickst, das kommt davon,

Aufs Telefon, aufs Telefon.

Du schwitzt, dir wird bald heiß, bald kalt,

In deinen Ohren klingelt bald

Die ganze, große, stille Welt.

Die Ohren bleiben aufgestellt.

Es summt und brummt, es ist zu dumm,

Dir werden deine Augen krumm.

Nur etwas aus der Ferne bellt,

Aus einer großen, toten Welt.

0190... Hallo! Was?

Und schon sind deine Hosen nass.

HIMMELBLAU

 

Der Bauch er baucht sich kugelrund,

Die Seele seelt sich pumperlgsund,

Der Mund hält nie den blöden Mund

Der Hund hält sich noch einen Hund.

 

Doch hier, gleich hier,

Zwischen Kugel und rund

Zwischen Leine und Hund

Zwischen Seele und wund

Ganz genau, ganz genau

Da – ist der Himmel blau!

 

Der Aufschnitt schreit: Ein Viertelpfund,

Viertelnachacht ist Fernsehstund,

Der Geist er beißt, das Bild bleibt bunt,

Der Scheißer scheißt ein Halbespfund.

 

Doch hier, gleich hier,

Zwischen Dame und Bube,

Zwischen Türe und Stube

Zwischen Gnade und Brot

Zwischen Beben und Tod

Ganz genau, ganz genau

Dort – ist der Himmel rot.

 

Das Schaf ist krank, der Hund gesund,

Der Geist verreist, egal, na und,

Die Sätze finden keinen Grund,

Die Worte halten sich für Schund.

 

Und hier, gleich hier,

Zwischen Eisen und Bahn,

Zwischen Friede und Wahn,

Zwischen Schweinchen und Schlau

Zwischen Stelle und Bau

Ganz genau, ganz genau

Da – ist der Himmel blau!

SO KAMST DU

 

So kamst du in die Ferne

Gestählt und stark und reich.

Und mochtest sie so gerne

Die großen Lieder so weich.

 

She loves you, Yeah, yeah, yeah!

 

Du kamst zurück in Stücken

Verwirrt und krank und bleich

Und holtest sieben Sterne

Vom Himmel auf einen Streich.

 

How many roads must a man walk down?

 

Du riefst in tönende Leere

Den einen Befehl: Ich will!

In glänzender Rüstung die Heere

Sie standen alle still. Still.

 

Still I’m gonna miss you!

Sonett Nr. 22

 

In unsrem Mauseloch schaut sich die kleine Maus

Nach einem Partner um, um alles zu beenden

Was ihrer Einsamkeit entgegen stehen könnte.

Sie will sich jedenfalls für großes Glück verwenden.

 

Das ist so einfach nicht, sie findet es heraus.

Sie will sich nicht an einen Mäuserich verschwenden,

Der sie vernascht als nächste kleine, graue Maus.

Doch andrerseits in keinen Fall im Loch verenden.

 

So schaut sie scheu heraus aus ihrem Mausebau,

Und sieht ein großes graues Tier, so grau wie sie,

Das sagt: „Komm her“ und blickt sie treuen Auges an.

 

Ach, da ist unsre Maus verliebt und hängt gleich halb

Aus dem gezähnten Maul der Katze, selig, heiter

Und piepst: Wenn ich der Liebe Nahrung bin, friss weiter.

Kinderlied

(aus DIE KÄFER)

 

Nun, die Sache ist doch klar:

In die Städte nach dem Beben

Floh so manches große Tier.

 

Doch nur wir, wir werden leben,

Überleben werden wir.

 

Ob wir zwischen Gräsern steckten,

Ob wir krochen unter Rinden

Nur wir bleiben, die Insekten.

 

Ach, wo bleiben die, die jagen,

Uns besprühen, nach uns schlagen.

 

Niemand wird uns dann mehr finden,

Zwischen kalten Mauersteinen,

Nicht ein Kind wird um uns weinen...

 

Denn es ist kein Kind mehr da. 

FREMDE FRAU

(aus DIE KÄFER)

 

Die Frau, sie war eine fremde,

Sie schimmerte kalt wie ein Zahn.

Die Frau, sie stand nur im Hemde,

Der Mann, er fuhr mit der Bahn.

 

Die Kuh, sie stürmte die Weide,

Der Ochs starrte blind in den Staub,

Die Hose, sie ging mit dem Kleide,

Ins gelbe verduftende Laub.

 

Der Winter, er wurde ein alter,

Der Schnee lag schon Jahre entfernt.

Der Nikolaus stand als ein kalter

Verdammter, der alles verlernt.

 

Der Raum lag in endloser Weite,

Er zog mich ins Bett und ich lag

Im Kissen ganz still an der Seite

Und sah in den strahlenden Tag.

DÜNEN

(aus DIE KÄFER)

 

Seht wie die Wolken Dünen kämmen.

Sie fliegen Meerwärts außer Rand und Band.

Erzählen uns so manches Märchen,

Um sich aus kleinen Wolkenpärchen

Schwer zuzuziehen und das Land

Ganz tintenschwarz zu überschwemmen.

 

Seht wie die Wolken Dünen kämmen.

Sie fliegen her vom Meer ohne Bestand.

Erzählen Anekdoten über Kunst,

Um sich in lächerlichen Dunst

Schnell aufzulösen und das Land

Mit Federschaum zu überschwemmen.

© 2015 Joe Knipp

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